Der Atem – ein Weg in die innere Freiheit. Teil 4
Atemkiller und Atemunterstützer
Wodurch verändert sich die natürliche, gesunde Atmung?
Alles, was uns bewegt (Gedanken, Gefühle, Handlungen) ändert mehr oder weniger stark unseren Atem. Wir atmen unterschiedlich in der körperlichen Anstrengung, in der Konzentration auf eine gedankliche Abhandlung oder wenn wir im Urlaub einfach in die Landschaft schauen. In hoch emotional angespannten Situationen reagiert die Atmung völlig anders als in einer gelassenen Stimmung.
Die Bewegung des Atems entwickelt sich in frühesten Lebensjahren. Schon im Mutterleib kann ein Atemmuster entstehen, das dem der Mutter entspricht. In den ersten Lebensjahren wird sich eine individuelle Art zu Atmen festigen.
Zunächst lernen Kinder durch Beobachten. So nehmen sie instinktiv auch das Atemmuster der Eltern auf. Erfährt das Kind in seinem Elternhaus viel Begrenzungen und Verbote, so hat das bereits eine Auswirkung auf den Atem. Es fängt an, sich und damit den Atem zurückzuhalten. Erhält das Kind stattdessen zu wenig richtungweisende Grenzen im Erziehungsalltag, verliert der Atem seine strukturierende Kraft.
Durch ein gesundes Maß zu experimentieren und sich auszuprobieren entwickelt der Atem eine natürliche Kraft. Der kindliche Bewegungsdrang kompensiert zudem vieles, wodurch sich der Atem wieder regeneriert.
Atemkiller
Spätestens im Schulalter kommt die nächste große Herausforderung. Da sitzen die körperlich in die Höhe geschossenen Kinder neben den kleinsten in der Klasse auf den gleichen Stuhl- und Tischhöhen. Dies verschlechtert bei fast allen Kindern die Körperhaltung. Die Körperhaltung ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Atmung.
Nebenfächer wie Sport und Musik (speziell Singen) schaffen einen bedeutenden Ausgleich für den Atemstau. Sie sind wichtiger Bestandteil im Schulplan und sollten keinesfalls reduziert werden. Sport und Singen regt auf natürliche und spielerische Weise eine vertiefte Atmung an. Dadurch spüren wir wieder mehr Kraft und Lebendigkeit.
Eine weitere Veränderung der Atmung bewirkt der oft schon im Schulalter beginnende Leistungs- und Erfolgsdruck. Dadurch wird die Einatmung verstärkt und die Ausatmung behindert. Die Lungen können sich nicht mehr ganz entleeren. Das bedeutet, dass Schlacken und Gifte, die natürlicherweise über den Ausatem entsorgt werden, im Körper verbleiben.
Aber auch das Modediktat der schlanken Taille, der engen Kleidung oder das Motto “Bauch rein – Brust raus” sind Atemkiller. Wer sich in möglichst enge Hosen presst, darf sich über Atemnot nicht beklagen. Und wer sich einen möglichst großen Brustkorb und ein entsprechend schmales Becken im Fitness-Studio antrainiert, darf sich nicht wundern, wenn die äußere Erscheinung nicht mit dem inneren Selbstwertgefühl übereinstimmt. Durch die Blockierung des Zwerchfells wird der Atem im Bauch-Beckenraum eingeschränkt.
Atemunterstützer
Wenn wir von einer vergifteten Atmosphäre sprechen, wenn wir sauer werden, weil etwas nicht so gelingt , wenn wir aufgeregt und nervös einen wichtigen Termin erwarten, dann können wir uns etwas Gutes tun und mehrmals tief ausatmen. Natürlich ist wichtig, das ergiebige Ausatmen nicht erst in einer Stresssituation anzufangen. Sooft Sie daran denken, können Sie sich mit einem tiefen Ausatmen entspannen. Danach den reflektorischen Einatem wieder einfallen lassen, ohne ihn zu holen.
Die Natur setzt sich oftmals spontan durch und zwingt uns den gesteigerten Atem förmlich auf, z.B. durch Gähnen oder Seufzen. Leider sind solche Spontanäußerungen des natürlichen Atems nicht gesellschaftsfähig. Jedoch: ausgiebiges Gähnen erfrischt den Körper, belebt den Geist und steigert die Aufmerksamkeit.
Es ist viel gesünder und belebend für die Zuhörer, wenn das Gähnen nicht als Antwort auf einen langweiligen Vortrag gewertet wird, sondern als ein natürlicher Impuls des menschlichen Organismus, sich wieder in Konzentration und Balance zu bringen. Lesen Sie dazu auch meinen Blog-Artikel „Gähnen macht cool“.
Singen ist ein wunderbarer Förderer der gesunden Vollatmung. Beim Vor-sich-hin-singen oder -summen atmen die meisten Menschen automatisch auf eine natürliche und gesunde Art. Lassen Sie sich nicht davon abbringen, wenn jemand meint, dass Sie falsch singen. Sie müssen ja keine Sängerkarriere anstreben. Trotzdem können Sie sich durch Ihr Singen – wie immer es klingen mag – in eine gute Stimmung bringen. Ob Sie den richtigen Ton beim Singen treffen, hat nicht nur mit Begabung sondern auch viel mit Übung zu tun.
Oder verbessern Sie Ihre Atmung mit einer Atemübung des Monats unter www.atemlust.com. Jeden Monat veröffentliche ich hier eine neue Übung. Schauen Sie einfach öfter mal vorbei und probieren Sie es gleich aus.
Lesen Sie ausführlich nach in meinem Buch
ATEM. Stressabbau und –bewältigung im beruflichen Alltag
Näheres unter http://www.unger-dialog.de/buch.php
Ich freue mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit dem Atem im Kommentarfeld hinterlassen.